Mal eben nach Usbekistan

von Kai Neitzke





Beste Auto der Welt

Nachdem ich in Deutschland meine Bürokratie erledigt hatte, zog es mich wieder zu meiner Anna nach Usbekistan. Aber fliegen ist ja langweilig, teuer und außerdem weiß ich nicht, wann ich meinen Rückflug buchen sollte. Also wurde es wieder eine Fahrt mit dem zuverlässigsten Auto der Welt, dem alten Audi 100. Kannte mich ja aus, war ja schließlich im Sommer 2007 schon mal mit Anna nach Usbekistan gefahren. Wusste, wie das mit der Fähre von Baku nach Turkmenistan funktioniert, dass man an der turkmenischen Grenze einiges an Dollar liegen lassen muss, dass man für die Türkei eine grüne Versicherungskarte braucht und dass man, nachdem man alle turkmenische Manat vor der Grenze ausgegeben hat, noch mal quasi als letzter Streich an der Brücke über den Amur Darya zur Kasse gebeten wird. So wollte ich also den einen oder anderen Fallstrick gekonnt umgehen. Aber es kommt ja immer etwas anders als man denkt. So auch auf dieser Fahrt.

Als Schritt Nr. 1 galt es, ein geeignetes Fahrzeug aufzutun. Und als ich meinem alten Kumpel Marcel von der Fahrt erzählte, galt es zwei geeignete Fahrzeuge zu beschaffen. Denn er wollte mit. Super. Doppelter Verkaufsgewinn beim Verhökern der Karren in Kirgisien, eine Notfall-Abschleppmöglichkeit, und wenn es ganz derbe kommt, kann ein Wagen aufgegeben werden.

Ich verfolgte also gespannt jeden Neuzugang bei Ebay in der Kategorie „Audi 100 Fahrzeuge“. Mein Traumwagen war ein Audi 100 Kombi, Baujahr 1990, Klimaanlage, Allrad, Anhängerkupplung, Schiebedach, Alufelgen, Radio/CD, weiß für unter 800 Euro. TÜV natürlich noch mindestens bis Ende Oktober, denn von wegen vereinfachte TÜV-Untersuchung für Ausfuhrkennzeichen. Das war einmal. Alles Geldschneiderei. Um es kurz zu machen: Mein Traum schrumpfte etwas auf schwarzen Audi Kombi mit Unfallschaden an der Beifahrertür und Kabelbruch im Armaturenbrettbereich, mir runterkommendem Himmel ohne Radio, aber dafür die Luxusversion mit Holzarmaturenbrett und Zusatzinstrumenten (wenn schon der Tacho nicht geht). Dazu stand er quasi um die Ecke in Schwäbisch Gmünd und was soll ich sagen…er hat gehalten und steht hier in Taschkent.

Wagen Nummer 2 war schon eher ein Glücksgriff, dafür in Norddeutschland, 50 Kilometer nördlich von Osnabrück. Super gepflegt mit Techno-Fußmatten in Alu-Riffeloptik.

Dann das ganze Drumherum: Ausfuhrkennzeichen beantragen, Autos abholen, anmelden, Essen bei Aldi kaufen (Fischkonserven, Spekulatius, Schokolade, Wein…). Und am Montag, den 13.10. sollte es losgehen. Ging es auch gerade noch, so um halb 12 Mitternacht nach Österreich. Plakettenpickerl kaufen und dann irgendwo im Alpenland schlafen gehen. Im Auto natürlich. Marcel im schwarzen, ich im weißen Wagen. Es regnete zwar, aber dafür war es nicht kalt.

Am nächsten Morgen ging es dann über den Brenner nach Bella Italia, nach Venezia. Ich hatte zwar keine Fähre reserviert, aber es war ja auch keine Saison und deshalb kein Problem, zwei Autos und zwei Fährgäste mit Deckspassage unterzukriegen. So verließen wir am Dienstagabend den Fährhafen, nachdem ich vom Pförtner übel ausgeschimpft wurde, weil ich an den Oleanderbusch gepinkelt habe. Macht nichts, ich verstehe ja kein Italienisch.

Die Überfahrt war sonnig und windig, und wir erreichten Igoumenitsa abends um 8, einen Tag später. Wir versuchten uns dann in der Provinz zum Schlafen zu verstecken, aber da waren viele selbsternannte Wachhunde, und schließlich kreuzte die Polizei auf mit dem Kommentar: „The villagers are afraid.“ Aber doch nicht wegen uns, oder? Wir durften jedenfalls bleiben und so ging es Donnerstagmorgen, 16.10. die Autobahn quer durch Griechenland bis zu unserem ersten Meeresschlafplatz in der Gegend um Thessaloniki.

Erste unangenehme Überraschung: Meine tolle Luftmatratze war platt. Nichts zu machen. Dabei war sie wirklich gute Qualität aus Nylongewebe. Hatte ich extra auf dem Flohmarkt in Neuss erstanden. Aber wie konnten gleichzeitig beide Hauptkammern kaputt gehen? Eines der größten Rätsel dieser Fahrt, also machte ich es mir für den Rest der Fahrt auf zwei Videorekordern gemütlich, den Beckenknochen kunstvoll zwischen erstem Rekorder und flachgeklappter Rücklehne geknetet.






Türkei

Am Morgen des 17.10. wollten wir rüber in die Türkei. Nicht ohne vorher randvoll zu tanken und zusätzlich unsere 100 Liter Reservekanister vollzupumpen, denn aus Erfahrung wusste ich ja, dass der Sprit in der Türkei teurer ist als in Deutschland und in Griechenland nur schlappe 96 Cent kostet. So rollten wir mit unseren beiden Tankwagen an die Grenze und ich präsentierte stolz beide grüne Versicherungskarten. Hatte ich mich doch beim letzten Mal furchtbar geärgert, dass ich die Versicherungskarte vergessen hatte und eine Kurzzeitversicherung aufs Auge gedrückt bekam. Jaaa, ist ja alles schön, aber bei dem einen Auto gibt’s Probläm – Karte nur noch gültig 13 Tage, müssen aber sein 14 Tage….Grrrr. Aber nach langem Lamentieren gings dann doch durch ohne Zollkontrolle. Danach wieder Schlafplatz suchen, eine Flasche Le Patron Vin Rouge ausgepackt und Heringsfilet in Senf-Dijon-Sauce verspeist.

Die 1300 Kilometer Türkei waren meiner Meinung nach relativ langweilig: Neben der Schwarzmeerküste die 6-spurige Autobahn, daneben Beton-Wohnsilos in poppigen Farben. Das makaber-lustigste waren die armen anatolischen Omas mit kleinen Kindern, die unter Lebensgefahr die rettende Mittelleitplanke zu erreichen suchten, diese entweder überkletterten oder drunter durch krochen, um dann die zweite Fahrspur rennend zu überqueren, mit dem Ziel, den Betonbrockenstrand unbeschadet zu erreichen. Stadtplanung auf Türkisch eben.

In der zweiten Nacht gab es ein Deja-Vu: Kaum hatten wir uns zum Schlafen in ein unauffälliges Eckchen auf die Wiese gestellt, schon kam die Militsja und begleitete uns mit Blaulicht zur nächsten Tankstelle, wo wir doch bitte übernachten sollten. Haargenau wie mit Anna vor einem Jahr. Hat uns aber nicht gestört, wir haben mitgemacht ohne großes Gezeter.






Kaukasus

Die Grenze nach Georgien nahm einige Zeit in Anspruch, war aber immerhin auch gratis und nach 3 Stunden war die auch erledigt. In Batumi fuhr mir dann ein georgischer Arsch mein Rücklicht kaputt. Aufbrausend verlangte ich natürlich umgehend Ersatz, entweder in Form eines neuen gebrauchten Rücklichtes oder ….hmmm…. was wäre denn realistisch, ohne dass er sofort zurück in seinen Lada steigt und abhaut? 30 Dollar. Okay, so verbrachte ich den regnerischen Tag in Batumi zwischen verschiedenen Schrottplätzen und Autozubehörläden, um dann doch in Ermangelung eines Rücklichtes Bares in Empfang zu nehmen. Hätte ich ehrlich nicht damit gerechnet, dass der Typ zahlt, aber den Versuch war es allemal wert wie man sieht.

Bluehende Landschaft in Georgien



Unser erster Schlafplatz in Georgien war richtig schön romantisch: An einem plätschernden Bächlein unter Granatapfelbäumen, aus mancher georgischer Hütte stieg Rauch auf, Truthähne gluckerten und gurrten. Die kommunale Wegbeleuchtung versagte glücklicherweise ihren Dienst, und so war es schön dunkel…und recht kühl. Morgens meckerte eine Herde Ziegen an uns rum, und eine riesige Sau mit dickem Gesäuge rührte sich nicht vom Fleck.

Kontakt mit der Urbevoelkerung



Am Abend des 22.10. trafen wir dann in Tiflis ein, und wir fanden sehr freundlichen Unterschlupf bei meiner ehemaligen Geo-Kommilitonin Katja, die schon Anna und mich letztes Jahr so freundlich aufnahm. Tat richtig gut, mal zu duschen, warm und in meinem Falle mal weich zu schlafen. Und die leckere, reichhaltige georgische Küche nicht zu vergessen. Da unser Aserbaidschan-Transitvisum erst am 24. anfing, galt es einen Tag zu vertrödeln. Aber wo kann man das besser tun als in Tiflis? Ein Freund von Katja hatte da eine private Hilfsaktion für Abchasien-Flüchtlinge angeleiert und fragte, ob wir mit unseren Autos nicht ein paar Lebensmittel in die Lager transportieren könnten. Klar, und schon wurde aus Marcels Wagen ein Zwiebeltransporter.

Ich sag ja immer: Ab Aserbaidschan fangen die Grenzen an, seltsam zu werden. Ja, wo ist denn die notarielle Bescheinigung, dass der Lockenkopf da mit dem Auto von Kai Neitzke fahren darf? Hä? Wie bitte? Ist doch alles klar, mein Auto, Marcel driver, ich dabei, alles klar, oder? Hm, okay. Pro Fahrzeug bitte 30 Dollar, dann an der Bude da hinten Road-Tax zahlen. Da könnte man doch probieren zu sparen, au ja, ich zahle einfach nur für ein Auto die Straßensteuer, will bestimmt keiner sehen. Der Typ in der Road-Tax-Bude wollte dann 20 Dollar haben und ich Idiot habe auf dem Beleg nicht gesehen, dass da 15 Dollar stand, alles Betrüger und Halunken, korruptes Gesindel.

Bei der Ausfahrt war dann so ein abgerissenes Häuschen mit zwei Polizisten drin, die meinten, ich soll 5 Dollar zahlen. Wofür denn bitte? Hab doch eben schon genug gezahlt….Das kam mir dann doch sehr aserbaidschanisch vor. Klarer Fall von Gutgläubigen-Abzocke, also weiterfahren.

Aserbaidschan ist, wie Usbekistan auch, das Land der Kontrollposten und gierigen korrupten Polizisten, die gerne Gaben von Ausländern nehmen. Aber irgendwie sind sie doch wie kleine Kinder: Wollen West-Schokolade haben, fragen, ob man leckere Sachen dabei hat, auch wenn man nichts verbrochen hat und so gar kein Grund besteht, irgend ein Vergehen mit Leckereien oder leckeren Dollars zu tilgen.

So wurden wir in der Dämmerung an einem Kontrollposten auf Verdacht rausgewunken und hach, welch ein Glück, der gute Marcel ist ja gar nicht angeschnallt! Uuuiii, das gibt aber eine große „Schtraf“. Dann das übliche Spiel: So, ich nehm dir jetzt deinen Führerschein ab, den musst du dir kommende Woche in der Hauptstadt abholen, das willst du ja sicher nicht, also kannst du die „Schtraf“ jetzt auch direkt bei mir zahlen, sagen wir….ääähh…nun ja, 50 Dollar! Gähn, schon ewig oft erlebt die Masche, aber für Marcel war das ja Neuland und so packte er gleich seine Nürnberger Lebkuchen und die gute Lindt-Schokolade aus und suchte das Verbrüderungs-Gespräch. Fruchtete aber nicht so wie er sich das dachte und irgendwie stieg die vermeintliche Strafe in der Polizeibude auf grandiose 120 Dollar.

Ich ließ ihn mal eine Weile machen und wurde dann aber so nach einer Viertelstunde neugierig, wie die Verhandlungen standen. Machte mich dann auch mal auf in die Bude und wurde sogleich vom Diensthabenden mit Wodka in der Fanta-Flasche empfangen. Hoch die Fahne, laber, lall….Ey, kein Bock mehr, komm, Marcel, wir suchen einen Schlafplatz, weg hier.

Dann war es wieder einmal Zeit für ein wenig Theater: Hallo erstmal, holla, ich arbeite auf der Deutschen Botschaft in Baku, hier ist mein roter Dienstpass, wo ist das Telefon, ich will sofort nach Baku telefonieren, wie ist ihre Dienstnummer, Name, eieiei, jetzt gibt´s Ärger, zieht euch warm an! Das Ganze natürlich mit diplomatischer Coolness dargeboten, Telefon suchend. Na ja, sie ließen uns dann gehen und die Sache war gegessen. Abgesehen von einer Zartbitter-Lindt-Schokolade in der Geschmacksrichtung Orange/Chili und einer kleinen Dose Nürnberger Elisenlebkuchen ist keine größerer Schaden entstanden, aber Marcel hat sich schon ein wenig geärgert, dass er solchen Nichtsnutzen auch noch seine guten Gaben aufs Auge gedrückt hat.

Dann in der Landschaft parken, aufs Freiluftklo gehen, halb sieben in den Wagen kriechen und noch ein wenig Musik vor dem Schlafengehen.

Am nächsten Tag kamen wir nachmittags in Baku an und die Fähre aus Turkmenistan war gerade eingelaufen. Nun galt es, Informationen zu beschaffen: Wann geht sie wieder zurück nach Turkmenbaschi, wie teuer, können wir schon Tickets kaufen, usw. Uns kamen zwei ältere Herren aus England entgegen, die meinten, die türkischen Lasterfahrer hätten einiges an Bestechungsgeldern hinlegen müssen, damit die Fähre überhaupt nach Aserbaidschan ablegt und überhaupt, im Nachhinein wäre es viel besser gewesen, von Usbekistan nach Baku zu fliegen, also was sie in Turkmenistan erlebt hätten, das ginge ja auf keine Kuhhaut, nein, nie wieder.

Aber wir werden es bestimmt besser haben. Also lautete die erste Information in der Ticketbude: Heute keine Tickets, morgen Vormittag so gegen 10 mal versuchen, oder besser um 9. So konnten wir dann einen Abendspaziergang an der ölverschmierten Promende von Baku ins Auge fassen, und gerade als wir angesichts von Edelboutiquen und schnieken Hotelneubauten die Hoffnung auf eine stimmungsvolle Altstadt á la Tiflis über Bord werfen wollten, standen wir mitten in einer leicht angegammelten, geheimnisvollen Altstadt. Der Höhepunkt war eindeutig ein ca. 100 Jahre altes Hamam-Dampfbad mit dem blumigen Namen „Fantasia“, mit Stuck und Spiegeln, kleinen Brunnen im Foyer und alles noch original unrenoviert. Absolut Klasse.

Für den nächsten Morgen stellte ich mir den Wecker auf 8, damit wir ja die Ersten an der Fährticketbude sind. Hätte ich mir aber auch sparen können, denn vor 11 war sowieso keiner in der Bude. Als der Typ dann auftauchte, hieß es, er warte noch auf einen Anruf. Der kommt so gegen Mittag. Wir sollen dann nochmal auftauchen. So gegen eins winkte er uns dann her und wir sollen schon mal zum Zoll gehen, da alles fertigmachen. Ach – und haben wir überhaupt ein turkmenisches Visum? Nein, also eine Visaankündigung für die turkmenische Grenze reicht nicht. Ohne Visum gibt’s kein Fährticket. Wie jetzt? Hab ich doch letztes Jahr auch so gemacht...Vorne an der Grenzabfertigung gabs auch kein Internet und ich Idiot habe das Bestätigungsschreiben der turkmenischen Botschaft, das ich per Mail erhalten habe, natürlich nicht ausgedruckt. Grenzer haben ja gerne Papier, also schnell mal in die Stadt gefahren, irgendein Internetcafe auftun und den Wisch ausdrucken. Nicht so einfach an einem Sonntag. Wir fanden dann ein Internetcafe, das hatte aber keinen Drucker. Grr. Also ins nächstbeste teure Hotel, davon gibt’s ja genug in Baku. Dort mal eben ausgedruckt und zurück in den Hafen. Dass die Fähre in der Zwischenzeit ablegt, also diese Angst plagte uns auf keinen Fall, eher, ob wir heute überhaupt aus Baku wegkommen. Zurück im Hafen dann die ganzen Zollformalitäten erledigt, und da holte mich auch meine Niederträchtigkeit ein, den aserbaidschanischen Staat um ein Mal Straßensteuer prellen zu wollen.

Beiläufig hieß es dann: Und jetzt zeigt mal eure beiden Quittungen über die Straßensteuer dort bei dem Beamten in der Bude....Hmmm, also eine haben wir hier..... wo steckt denn die andere? Marcel (grins)? Vielleicht bei dir im Auto? Also nein, tut uns Leid, die finden wir wohl nicht mehr. Okay, dann kommt mal in meine Bude, da müsst ihr dann nachzahlen. Mist.

Also der normale Tarif ist 15 Dollar. Wieso 15 Dollar? Ich hab doch 20 gezahlt...Da hat mich wohl der Beamte bei der Einreise um 5 Dollar beschissen. Eigentlich müsstet ihr jetzt eine kleine Strafe zusätzlich zahlen, aber 15 ist okay. Ich kramte also 15 Dollar raus und dann geschah das Unglaubliche: Der Grenzer nahm sich 10 Dollar mit den Worten: „Ten for me, five for you!“ Und drückte mir 5 Dollar zurück in die Hand. Dazu zwang er uns noch 2 aserbaidschanische Lebkuchen auf und lächelte breit. Sollte korrupte Gier doch von einem Hauch Menschlichkeit begleitet sein? Nun gut, jetzt waren wir anscheinend reif für den Kauf der Fährtickets. Dann noch ins Hafenbüro, Gebühr zahlen (was sonst?) und schließlich durften wir auf die Fähre fahren, 660 Dollar ärmer.

Unser Boot hieß „Merkuri“ und bedient neben der „Professor Gül“ die Linie nach Turkmenistan. Ziemlich abgegammelte Eisenbahnfähre, aber noch einen Tick besser in Form als der Seelenverkäufer, mit dem ich im Sommer mit Anna rübergefahren bin. Wir mussten sogar eine Kabine nehmen, die mir aber zu eklig war um darin die Nacht zu verbringen. Ich umwickelte mich also mit meinem Schlafsack und ließ mich in einer Art Sessel nieder. Das war so um 16 Uhr. Endlich, jetzt geht’s endlich los, dachte ich. Es wurde 5, es wurde 6, es wurde 7. Aber dann gings wirklich los. Toll, Nachtpanorama auf Baku mit beleuchtetem Fernsehturm, der die Farbe wechselt. Die Freude währte aber nur kurz, denn um 21 Uhr rasselte bereits wieder der Anker. Baku war noch immer in Sicht. Was soll jetzt das schon wieder? Da hätten wir auch in Baku bleiben können. Aber es nützt ja nichts. Also wieder Musik hören, warten und einschlafen. Mal zur Abwechslung im Sitzen.

Am nächsten Morgen wurden die Anker gelichtet, und wir tuckerten weiter. Das Kaspische Meer war rau und wir schlingerten zwischen Bohrinseln hindurch, immer torkelnd von einer Seite auf die andere in den langen Kabinengängen. So ging das den ganzen Montag (27.10.) bis wir uns Abends der turkmenischen Küste näherten. Leichte Nervosität machte sich unter den Passagieren breit, Tüten wurden gepackt, in der Ferne leuteten die Fackeln der Bohrinseln. Dann wieder Ankerrasseln. Zu früh gefreut. Also noch eine kühle Nacht im Stuhl, wie schön. Aber dann! Am Morgen des 28. stampften wir in den Hafen. Immerhin, nach ca. 38 Stunden...für 300 Kilometer! Unglaublich langsam.


Turkmenistan

Aber egal, wir durften uns nun eine Stunde auf der Fährrampe die Beine in den Bauch stehen, gut bewacht von einem turkmenischen Grenzer in Fellmantel. Dann durften sich alle in einer Reihe vor dem Abfertigungsgebäude aufstellen und sich ein bisschen vollschimpfen lassen von den Bewachern. Dann wurden unsere bereits auf dem Schiff abgegebenen Pässe ins Abfertigungsgebäude getragen und jeder wurde mit Namen aufgerufen. Klar, dass wir erst am Schluss dran waren, aber egal, damit hatte ich schon gerechnet. Wir machten es uns in den Autos gemütlich, denn endlich schien mal die Sonne aus wolkenlosem Himmel. Um elf war es soweit: Alle waren durch, wir durften.

In der Abfertigungshalle fand nun etwas statt, was man am treffendsten mit „absurdem Theater“ beschreiben kann. Marcel hat den nun folgenden, 5 Stunden dauernden Vorgang in einer Art Laufdiagramm festgehalten, ich will es mal in aller Kürze beschreiben. Kurz gesagt, der Sinn oder Unsinn bestand darin, nach jedem einzelnen Schalter wieder zum Bankschalter zu rennen, um dort die jeweilig fällig gewordene Gebühr zu zahlen. Das hatte die Bewandnis, uns für jede geleistete Zahlung 2 Mal 3 Dollar „Service charge“ abzuknöpfen und jedem sinnlosen Stempelmeister etwas zu tun zu geben, denn für jeden Vorgang gab es einen Riesenstapel sinnloser Quittungen und Belege, die alle abgestempelt werden wollten. Marcel meinte dann mal zu einem der Abstempler: „Hehe, very funny, a lot of paper...“ , worauf ihn der Beamte mit einem verständnislos-grimmigen Blick anschaute, der in etwa hieß: „Was soll daran lustig sein? Das ist doch normal.“

Es ist schwer, diese Stunden in der Abfertigung jemandem darzulegen, der so etwas Geartetes noch nie gesehen hat, aber es ging ungefähr so:

1. Visaankündigungsnummer geben, Gebühreinzahlungsformulare in Empfang nehmen.
2. Bank, Zahlen.
3. Transitroutenformular mit Benzinsubventionsausgleichszahlung ausfüllen und berechnen lassen, in die Nachbarbude stempeln lassen.
4. Bank, Zahlen.
5. Fahrzeuge registrieren lassen, tausend Zettel, noch mehr Stempel.
6. Bank, Zahlen.
7. Registrierungszettel in andere Buden tragen, dort in andere Listen eintragen lassen, natürlich waren wieder viele Zettel und Stempel im Spiel.
8. Bank, Zahlen? Weiß nicht mehr genau.
9. Ach ja, nebenbei wackelten auch drei Zöllner zu den Autos, um mal drüberzuschauen, war aber im Vergleich zu Quittungen und Stempeln absolute Nebensache.
10. In anderes Gebäude, Formalitäten für die Ausfahrt vom Hafengelände in die Wege leiten.
11. Bank, Zahlen.
12. Mit Einzahlungsquittung über Gebühr für die Benutzung des Hafengeländes Person mit Schlüssel für das Hafentor suchen.

Ab Punkt 10 war ich nicht mehr in der Lage, mich mit dem Scheiß auseinanderzusetzen, ohne abfällige Bemerkungen über das turkmenische Vaterland und dessen irren Präsidenten von mir zu geben, deshalb habe ich den weiteren Ablauf Marcel übergeben. Erwähnenswert ist auch die Einzahlungsquittung über die veterinäre Desinfektion beider Fahrzeuge, die – natürlich gegen Service Charge – beim Bankschalter beglichen werden wollte. Auf mein Verlangen nach einer ordentlichen Desinfektion unserer Fahrzeuge erntete ich jedoch nur gleichgülitges Schulterzucken. Sollte das etwa reine Geldschneiderei gewesen sein?

Auf unserem Transitroutenformular erschien noch einmal ein kleiner Posten von jeweils einem Dollar pro Fahrzeug für.... richtig! Desinfektion. Das konnte doch nicht sein. Ich protestierte betont argumentativ, dass ich ja schon vorhin mit einer extra Einzahlungsquittung eine Desinfektion gezahlt habe, die ich nicht bekommen habe. Also machte ich aus dem „1 Dollar“ auf meinem Formular demonstrativ eine „0“. Eigentlich war ich nur gespannt, was dann passierte. Ach, war das klasse: Schreckgeweitete Augen, herunterfallende Kinnladen, gefolgt von bösartigen Äußerungen, und dann: große Ratlosigkeit. Es hatte wohl noch kein Reisender jemals gewagt, ein bereits gestempeltes Formular eigenmächtig zu ändern. Das kam wohl einem bürokratischen Bombenfund gleich. Zehn Stempelbevollmächtigte standen bestürzt um mein in ihren Augen wertlos gewordenes Formular herum und berieten, wie nun weiter in der Angelegenheit verfahren werden sollte. Den Fremden verhaften? Ein neues Formular mit erneuter Bearbeitungsgebühr (5$) ausstellen? Aber was macht man dann mit den ganzen Einträgen in den unzähligen Kladden, wenn man dieses Formular für ungültig erklärt?

Es folgten lange Beratungen, Argumente wurden ausgetauscht, Meinungen eingeholt. Ich hatte ja damit gerechnet, dass ich nun nochmal 5 Dollar für ein neues Formular berappen muss, aber offensichtlich hat sich hier die Bürokratie selbst in den Schwanz gebissen. Ging nicht aufgrund der vielen Gegeneinträge. Also wurde aus meiner „0“ wieder ganz gewissenhaft eine „1“ gemacht, mit Zusatzstempel beglaubigt, und ich wurde böse zurechtgewiesen, dass ich das nie wieder machen darf, sowas. Meine darauf folgende Frage, wann wir denn nun die Desinfizierung der Fahrzeuge erhalten, konnte mir jedenfalls niemand beantworten.

Nach dem ganzen Papiertheater dachte ich, es wäre ja mal an der Zeit, dass irgendjemand vielleicht mal auf unsere Autos schaut? Irgendeine Kontrolle von wegen Drogen, Waffen, Menschenhandel? Klar, kurz vor unserer Abfahrt wackelten dann drei feiste Zöllner zu unseren Wagen, machten so ein paar Witzchen von wegen „You have weapon, bum bum? Haha!“ Das wars dann mit der Kontrolle. Bankgebühr und Quittungen sind dann doch wichtiger. Dann waren wir aber noch lange nicht raus aus dem Hafengelände. Denn jetzt mussten wir noch Hafengeländebenutzungsbebühr bezahlen. Pro Nase 15 Dollar, das ganze fein säuberlich auf selbstgemalten Quittungsformularen festgehalten. Und? Können wir jetzt endlich raus? Es war schließlich schon 16.30 Uhr. Man erinnere sich: Ankunft auf dem Hafengelände: ca. 9 Uhr morgens! Ja, also im Prinzip könnt ihr raus, aber der Typ mit dem Torschlüssel ist gerade nicht da, kommt vielleicht in einer Stunde wieder....(aber danke für die 30 Dollar). Für die Quittung für die Hafengeländebenutzungsgebühr musste Marcel meinen Pass haben, und ich reichte ihn über ein Gitter herüber, was dem Nicht-übers-Gitter-reichen-Aufpasser-Soldaten gar nicht gefiel und er mich tatsächlich fragte, ob ich „psychuschka“ wäre, also ob ich nicht alle Tassen im Schrank hätte. Das sagt ja gerade der richtige. Aber so ist das: Die Leute da haben keine Ahnung, was für einen Schwachsinn sie da treiben.

Irgendwann kamen wir raus aus diesem Irrenhaus. Schnell auf dem Basar in Turkmenbaschi Fisch und Brot kaufen, volltanken und ein Schlafplätzchen in der Wüste finden. Und obwohl es ein sonniger Tag war, wurde es wirklich arschkalt in der Nacht. Wüste eben. Im Wagen wurde es unter Null Grad, so dass ich zur Lösung eines Nachttopfes griff um nächtliche Pinkelgänge zu vermeiden.

Frauenarbeit in Turkmenistan



Ansonsten ist Turkmenistan ein stinklangweiliges Land: Die sagenhaften Ruinen von Merv sind nichts weiter als ein paar zerschmolzene Dreckhaufen im Nichts, die Hauptstadt Aschgabat ist voll danebengeplant: Kilometerlange Springbrunnen mit Marmorbänken, auf denen niemand sitzen mag, Luftschloss-Paläste, die niemand haben wollte, güldene Statuen vom irren, unsterblichen Turkmenbaschi, der aber seit 2 Jahren leider tot ist und kurz vor seinem Abnippeln seinen Leibzahnarzt als neuen Herrscher eingesetzt hatte. Wie weit kann man eigentlich Schwachsinn auf Kosten der Bevölkerung treiben? In diesem Punkt ist Turkmenistan neben Myanmar (und wahrscheinlich Nordkorea) so ziemlich spitze.

Platzda! Turkmenistan



Kurz vor der Grenze bei der Überquerung des Amur Darya ein weiterer Streich der Turkmenen: Überquerung der gammeligen Pontonbrücke aus Sowjetzeit kostet 100.000 Manat. Ist noch im Rahmen. Auf meine Frage, ob das alles sei, kam ein selbstverständliches: „Yes, yes, 100.000, finish“. Darauf fuhren wir zurück in die Stadt, bunkerten nochmal 100 Liter billigen Reservesprit und tauschten die restlichen Dollars in 100.000 Manat. Was dann an der Brücke passierte, war ja vorauszusehen: Die Manat zahlen, dann bitte zum nächsten Schalter, pro Fahrzeug bitte 12 Dollar Touristenobulus. Grrrr. Ach ja, außer den Manat nichts zu zahlen? Das war also alles, nicht wahr? Warum habe ich jetzt meine letzten Dollar weggetauscht? Aaarrgh! Aber für diese Fälle gibt es ja immer einen findigen Geldtauscher, der einem zu einem zugegeben etwas ungünstigen Kurs auch Euros in Dollar tauscht. Denn es werden ja nur Dollar an der Brücke entgegengenommen.

Romantisches Turkmenistan



Nach der Brückenüberquerung haben wir uns auf dem Weg zur usbekischen Grenze noch etwas verfahren, aber das machte nichts, denn erstens war die Grenze schon geschlossen und zweitens fing unser usbekisches Visum erst am nächsten Tag an zu laufen. Insofern kann man also von einer echten Punktlandung an der usbekischen Grenze sprechen, in dieser Nacht auf den 1. November.

Ausreisen sind ja immer schnell gemacht, die sind ja meistens froh, dass man wieder abhaut, Zollkontrollen sind da überflüssig, ein Stempel und fertig ist die Sache. So dachte ich. Aber weit gefehlt in Bezug auf eine Ausreise aus Turkmenistan. Zuerst die Frage nach dem Carnet de Passage, also den internationalen Zolldokumenten für die beiden Autos. Neee, braucht man nicht für Turkmenistan, habe ich vor anderthalb Jahren auch nicht gebraucht, glaubt mir. Hmmm, Unsicherheit beim turkmenischen Zoll. Aber warum haben dann die ganzen türkischen Lastwagenfahrer immer ein Carnet? (dachten sich wohl die Zöllner) Weil die ja auch durch den Iran fahren, ihr unflexiblen Einfaltspinsel (dachte ich mir). Okay, das mit dem Carnet war dann in Ordnung. Nun den Ausreisestempel. Also mit diesem Immigration-Kärtchen, ausgestellt vom Einreisebüro in Turkmenbaschi, also das ist problematisch. So wurden unsere Pässe erstmal zur Seite gelegt, und wir durften eine Stunde im eiskalten Durchzug in der Schlange turkmenischer Omas und anatolischer Lasterfahrer warten. Das kann doch nicht so schwer sein, einen Stempel in den Pass zu drücken und überhaupt: Was können wir dafür, wenn ihr Idioten mit eurer eigenen Bürokratie nicht zurande kommt? Auf meine Frage, was es denn für ein Problem gibt, bekam ich die Antwort: Es gibt kein Problem. Aha! Also werden unsere Pässe ohne Probleme einfach mal eine Stunde zur Seite gelegt, wild zu irgendwelchen Vorgesetzten telefoniert, ein neuer Telefonapparat herbeigeschafft. Irgendwann haben wir dann Stempel bekommen, wofür wir uns aber nicht bedankt haben. Oh Mann, schon halb 11 und wir hatten noch 650 Kilometer bis Taschkent vor uns. Aber was sind schon zweieinhalb Stunden Abfertigung gegen die Tortur bei der Einreise.


Usbekistan

Basar in Usbekistan



Also rüber zu den Usbeken. Zollerklärung zweimal ausfüllen, Wagen zeigen, gelben Fahrzeug-Einfuhrzettel bekommen, fertig. Keine halbe Stunde. Cool.

Dann kam eine lange, aber entspannte Fahrt von der usbekisch / turkmenischen Grenze bis nach Taschkent. Dort Hans und Angelika treffen und die Überraschung für Anna vorbereiten: Ich traf mich mit Annas Vater, nahm den Wohnungsschlüssel in Empfang und stand dann ganz still und heimlich mitten in der Nacht in Annas Zimmer. Ich sollte doch behutsam vorgehen, riet man mir. Nicht, dass Anna vor Schreck durch die Scheibe springt, wenn da ein Waldschrat mitten in der Nacht vor ihr steht. Aber erstens hatte ich mich vorher rasiert und zweitens war ich ganz vorsichtig. Jedenfalls hat sie sich sehr gefreut.

Es folgte eine Woche Warten in Taschkent. Warten auf die kirgisischen Visa, denn laut Plan wollten wir ja die Wagen in Kirgisien verkaufen. Dummerweise gibt es aber nicht mehr Visa am selben Tag, da haben sich die Kirgisen international angeglichen: Das bedeutet, Antrag ausfüllen, abgeben. Dann wird der Antrag eine Woche lang liegen gelassen, und nach einer Woche darf man dann wiederkommen, und binnen 30 Sekunden bekommt man ein Visum reingeklebt. Wenn man das Ganze schneller haben will, muss man locker das Doppelte zahlen. So ist das eben, da nützt kein Meckern. Schade eigentlich, denn vor einem Jahr war das noch anders: Vormittags beantragen, nachmittags abholen, ohne Tricks, ohne Express, ohne Abzocke.


Kirgisien – Der Horrortrip

Also der erste, Marcels Wagen, ging auf dem Autobasar in Bischkek geschmeidig weg: Zwar erst am Sonntagnachmittag, als alle langsam wegfuhren, aber dann hatten sich zwei Russenbrüder in den schwarzen Audi verliebt und erfeilschten ihn für 3.800 Dollar. Hört sich jetzt viel an, aber bei 1.200 Euro Überführungskosten und 800 Euro Kaufpreis, dazu noch 550 Dollar Einfuhrzoll…also sooo viel bleibt da nicht übrig. Aber war schon okay. Marcel flog dann am Montag runter nach Osch, um weiter nach Taschkent zu machen (er flog ja am 18.11. wieder zurück nach Berlin). Anna und ich machten am selben Tag den Zoll klar und dann fuhren wir gemütlich mit dem weißen Audi auch wieder nach Taschkent. Ach, hätte ich gewusst, was mir der Verkauf des zweiten Autos für Scherereien machen würde, ich hätte ihn auch sofort verkauft. Warum ich es nicht tat? Also der Plan war, nochmal alleine nach Kirgisien zu fahren, und dann zurück nach Taschkent zu fliegen, nachdem der Wagen verhökert war, um ein usbekisches Visum am Taschkenter Flughafen zu bekommen. Aber der Reihe nach:

Die Rückfahrt mit Anna nach Taschkent war sehr schön: Tief verschneite Gebirgspässe in strahlender Sonne, dann eine Woche in Taschkent spaßeshalber als Taxifahrer arbeiten, Anna ein wenig Autofahren beibringen, superbequem überall hinfahren in Taschkent, super.

Doch dann kam der Donnerstag, an dem ich nach Kirgisien aufbrach, um am Samstag den eindeutig besseren Wagen feilzubieten. Um ein wenig Benzinkosten zu sparen, reihte ich mich in die Reihe der Langstreckentaxis ein und nahm drei Jungs nach Kokand mit. Sie meinten, sie hätten noch 2 Drucker dabei, das wären nur 2 kleine Kartons…Also der erste Karton nahm auf jeden Fall einen Passagierplatz ein und der zweite, ja der zweite war von der Sorte, aus denen ich mir als kleines Kind immer Spielhäuser gebaut habe, wo ich Fenster reinschnitt und richtig drin “wohnen” konnte. Mann, war der riesig. So weit, so gut. Ich nahm die drei also die 300 Kilometer nach Kokand mit und abends um 9 stand ich an der usbekisch-kirgisischen Grenze. Die Usbeken ließen mich auch ganz fix raus und die Kirgisen im Prinzip auch rein, aber die Dame von kirgisischen Zoll wedelte da mit einem gelben Zettel, der mir bekannt vorkam: Diesen gelben Zettel musste ich vor anderthalb Jahren beim ersten Autoverkauf in Bischkek beim Zoll für 25 Euro sozusagen als Strafe “kaufen”, weil ich versäumte, ihn an der Grenze mitzunehmen. Ach, dachte ich, dann nehm ich ihn mal sicherheitshalber diesmal mit, spar ich mir die 25 Euro in Bischkek. Damit fing der Ärger an. Die Dame vom Zoll hat sich nämlich nicht getraut, dieses Dokument auszufüllen. Das kann nur der große Chef, und der ist natürlich schon zu Hause. So ist das leider in den Länder der ehemaligen Sowjetunion: Niemand traut sich etwas zu entscheiden, alle haben Angst vor irgendeiner nebulösen Autorität, die einem als kleines Rädchen in der Bürokratie richtig Ärger machen kann. Kurz gesagt: Jedes kleine Beamtenwürstchen hat Angst, etwas zu unterschreiben oder abzustempeln, ohne den Chef zu fragen. Ein Heer von unnützen Lakaien sitzt nasebohrend in irgenwelchen Amtsstuben oder Schaltern, und wenn’s ans Eingemachte geht, sprich wenn man mit einem Begehren jedweder Art auftaucht, geht gar nichts. Dann muss erst ein Chef her, der entweder gerade Mittag isst, auf dem Basar einkauft, Tee trinkt oder anderweitig unheimlich wichtig beschäftigt ist. So ein Scheiss lähmt ganze Länder, Republiken, die als Staaten ernstgenommen werden wollen. Ich weiß, ich weiß, all diese Nichtsnutze wären ja arbeitslos, wenn sie nicht untätig in Uniform hinter Glas sitzen würden, aber der wahre Jakob ist das ja auch nicht, oder?

Also wurde der Chef antelefoniert, dass er sich die Sache mal anschaut. Also so wichtig ist das jetzt auch wieder nicht, dachte ich. Ich hatte ja noch die ganz normale Zollerklärung von dem Wagen, als wir alle zu dritt das erste Mal einreisten, die gilt ja noch, der Wagen hätte ja auch die ganze Zeit in Kirgisien sein können. Aber da war schon alles zu spät. So einfach kam ich da jetzt nicht mehr raus. Nach einer Dreiviertelstunde erschien ein nicht besonders alter schwarzer Benz auf der Bildfläche, und ein kleines, schleimiges Männlein in Mantel, Stiefeletten und pomadigem Schnauzbärtchen entstieg der Karosse. Das war also der Chef. Ob ich den Wagen verkaufen möchte, ….ja, eigentlich schon….dann brauche ich diesen gelben Zettel….ja, okay. ….Also der kostet aber…..Aha! War ja klar: Wenn sich so eine Type schon außerhalb der Geschäftszeiten hierher bemüht, dann sicherlich nicht umsonst. Hmmmm. Wieviel macht’s denn? Ja, der kostet 3.500 kirgisische Sum. Schluck, das waren umgerechnet 70 Euro! Du alte korrupte Sau! dachte ich im Stillen! Ach, dann brauch ich den gelben Zettel doch nicht, will den Wagen doch nicht verkaufen. Lalala…

Ob ich denn wüsste, dass ich ins Gefängnis komme, wenn ich den Wagen doch verkaufe…Mann, was für eine billige Nummer. Nun gut, aber die reguläre Zollerklärung brauche ich auf jeden Fall (so eine, die ich noch von vor 2 Wochen einstecken hatte). In Ordnung, wo ist der Wisch, füll ich aus….Jaaaa, also der kostet lediglich 1700 Sum…..Du schleimiges korruptes Arschloch! Alle wissen, dass diese Erklärung immer kostenlos ist. Aber der Typ wollte mir mit aller Gewalt Geld abpressen. Mit einem Lächeln auf den Lippen erklärte ich ihm dann, dass diese Erklärungen stets kostenlos sind, habe ich doch eben auch so ein Exemplar am usbekischen Posten ausgefüllt…..ABER DAS WAR USBEKISTAN, HIER IST KIRGISTAN, UND JETZT LASS ICH DICH MIT DEINEM AUTO GAR NICHT REIN! BASTA! Mit diesen Worten deutete er auf einen etwas eingestaubten Wolga mit russischem Kennzeichen und machte mir klar, dass ich heute hier schlafen sollte und morgen früh zurück nach Usbekistan abhauen darf. Diesem Wolga habe er auch die Einreise verwehrt, jawohl, sowas kann er machen.
Damit hockte er sich wieder in seinen schwarzen Benz und brauste wieder zurück in die Stadt. Ich war zugegebenermaßen etwas geschockt. Was passiert jetzt? Darf ich jetzt nicht rein nach Kirgistan? Dann war wieder der Augenblick für die Botschaftsnummer: Ich bin wichtig, ich arbeite für die deutsche Botschaft in Taschkent. Dies ist mein Dienstwagen, registriert über die deutsche Botschaft. Wenn ich jetzt nicht durchdarf, bin ich echt beleidigt. Ich bin auf Dienstreise, werde den Wagen im Leben nicht verkaufen, komme in ein paar Tagen wieder mit dem Wagen zurück nach Taschkent. Diese Litanei wiederholte ich immer wieder in gebrochenem Russisch, bis….ja bis ich durchgelassen wurde! Uff.

Im Guesthouse in Osch traf ich dann zu meinem Erstaunen noch drei andere Traveller: Sean aus Neuseeland und Steffen und Anna, beides Journalistikstudenten aus Bremen auf dem Landweg unterwegs nach Indien um dort ein Stipendium aufzunehmen. Die drei nahm ich dann am nächsten Morgen im Auto mit, Sean wollte mit mir bis Bischkek mitkommen, das Pärchen nur ein Drittel des Weges um dann noch in Arslanbob die Walnusswälder anzuschauen.


Armer Schlucker

Die Journalistikstudenten setzten wir dann auch ab und dann war ich so mit Sean am Quatschen und PAFF! fuhr ich einem superschicken Audi hinten drauf. Oh Nein! Mein Alprtraum wurde Realität. Warum konnte es kein vergammelter Mosquitsch sein? Erstmal cool bleiben. Glücklicherweise erwischte ich den grünmetallicfarbenen Audi A6 an seiner stabilsten Stelle, der äußersten Stoßstangenbiegung, so dass bei ihm lediglich ein bisschen Farbe abgeblättert war. Ganz im Gegensatz zu meinem guten Stück: Scheinwerfer nach unten gebogen, Stoßtange vorne links abgerissen, Lüftungsschlitze unterhalb der Stoßstange zerbrochen….macht den Wagen nicht gerade wertvoller im Hinblick auf den bevorstehenden Verkauf. Das war aber im Moment zweitrangig. Im Augenblick stand ich vor einem kirgisischen Geschäftsmann mit Schaum vorm Mund, der immer irgendwas von Dokumenten, Polizei und 200 Dollar faselte. Immer mit der Ruhe. Den guten Mann erstmal Dampf ablassen lassen. Dann wurde ein feister Polizist gerufen, der meinen Pass und meinen Führerschein an sich nahm. Dann folgten zwei Stunden verhandeln. Mein Gegenüber sprach immer von einem Kostenvoranschlag eines Lackiermeisters in Jalalabad, worauf ich entgegnete, dass wir das wirklich nicht bräuchten, schließlich wollte ich ja mit Sean weiter nach Bischkek, und er hätte ja sicher auch nicht so viel Zeit. So verhandelten wir über die Schadenssumme. Ich beteuerte immer wieder, dass ich kein Bisnessmän sei, ich nicht viel Geld hätte als armer kleiner Lehrer. In dieser Situation schien mir die Rolle des armen Schluckers angebrachter als die des Botschaftsangehörigen, logisch. Immer wieder kramte ich unterschiedliche Währungen in kleinen Scheinen aus meiner Hosentasche, lieh mir unter großem Trara bei Sean mal einen 5 Dollar-Schein, lamentierte, argumentiert, bot ihm auch noch meinen Reservekanister mit 10 Litern Sprit an. Schließlich einigten wir uns auf umgerechnet 40 Euro. Meiner Meinung nach kein allzu schlechter Deal, wenn man bedenkt, was ein Lackschaden so in Deutschland nach sich ziehen kann, und sein Wagen echt tiptop aussah (vorher jedenfalls).

Nun gut, der Geschädigte zog dann ab, aber jetzt wollte der korrupte Bulle auch seinen Obulus. Er redete immerzu von “Schtraf”, und dass er meinen Wagen jetzt auf dem Polizeihof festsetzen könne, wenn ich ihm nichts zahle. Okay, okay, er sollte auch was haben. Er faselte etwas von einem horrenden Betrag (100 Dollar? Ich weiß nicht mehr). Darauf hin kramte ich eine zerknüllte 5 Dollarnote hervor und fragte, ob das reicht. Kopfschütteln. Dann legte ich usbekische Sum-Scheine nach, 1000er (1000 usbekische Sum= 50 Cent). Nach 5000 usbekischen Sum war ich der Meinung, dass nun Schluss sei. Ich argumentierte, dass ich noch Benzin brauche für die noch vor uns liegenden 500 Kilometer nach Bischkek. Ich zeigte ihm meine Bankkarte in der Gewissheit, dass im Umkreis von 150 Kilometern weit und breit kein Bankomat aufzutreiben war. Sein Vorschlag war darauf hin, dass ich mich ja über die Gebirgspässe abschleppen lassen kann und diesen Service dann in Bischkek per Bankkarte bezahlen kann. Ey, danke für den Tip, super! Die geheime Bestechungsgeld-Sitzung in seinem Mercedes zog sich dann noch weitere 20 Minuten hin bis ich ihn weichgekocht hatte: Dann gib mir wenigstens deine Armbanduhr! Ich dachte, ich höre nicht recht. Das war ja wie in einem schlechten Film über Wegelagerer. Aber es war schon ein psychologisches Spiel: Ich beteuerte, bei meiner Armbanduhr handele es sich um eine billige chinesiche Casio-Imitation vom Basar in Taschkent (was auch stimmte, ein Euro fuffzig). Er schien mir aber nicht zu glauben und war wohl der Auffassung, dass es sich bei meiner Casio um ein teures japanisches Original handelte, hihi. Kurzum: 5 Dollar, 5000 usb. Sum und eine billige Chinauhr vom Basar und die Sache war gegessen. Weiter gings nach Bischkek.

Mann, was haben wir Zeit verloren durch diesen Zwischenfall. Nun war klar, dass wir es nicht vor Einbruch der Dunkelheit nach Bischkek schaffen würden. Aber egal, das Auto funktioniert auch im Dunkeln. Nur auf den Pässen war es etwas frisch: Das Außenthermometer zeigte Minus 18 Grad, und die Heizung stieß an ihre Grenzen. Aber gegen elf Uhr abends waren wir in Bischkek.

Baumwoll-Bushaltestelle




Autobasar

Am nächsten Tag wurde es spannend: Samstag. Autobasar. Frühmorgens stand ich in der Kälte und bot den Wagen an. Reges Interesse, viele Fragen, ein echter Basar eben. Unter dem Hereinprasseln der Fragen, der Aufregung und in all dem Getümmel vergaß ich jedoch mein Portemonnaie in Sicherheit zu bringen, und getreu nach dem Motto “Gelegenheit macht Diebe”, war mein Porte halt geklaut. Mist. Ich brach die Verkaufsshow ab und nahm ein Taxi in die Stadt um die Geldkarte sperren zu lassen. Doch auch hier hatte ich wieder Glück im Unglück: Die Autopapiere befanden sich nicht unter dem Diebesgut, auch mein Führerschein nicht. Wären die Autopapiere weg gewesen, wäre ein Verkauf des Wagens nicht möglich gewesen. Aber der Wagen ging auch so nicht weg. Scheiße.

Am folgenden Montag zündete die zweite Phase meines Plans: Nach Taschkent fliegen und damit ein neues usbekisches Visum on arrival auf dem Taschkenter Flughafen kriegen. Also kaufte ich mir einen Flugschein und setzte mich in den Flieger nach Taschkent, nachdem ich den nicht verkauften Wagen für das nächste Wochenende auf dem Hof des Guesthauses geparkt hatte.

Ich wusste durch den Besuch eines Bekannten im Januar, dass es möglich war, auf dem Taschkenter Flughafen spontan ein Visum zu erhalten. Jaaa, aber das war schon lange her, und in so einem willkürlich unberechenbaren Möchtegern-Staat wie Usbekistan ist so eine Regelung halt mal schnell durch einen Präsidentenerlass vom Tisch. Und das lief so: Nach der Landung meines Fliegers musste ich erstmal an der Visabude warten. Klar. Dann kam noch der Flieger aus Istanbul, in dem ein Grüppchen usbekischer Mädels aus der Türkei zurück nach Usbekistan deportiert worden waren. Die Armen. Waren völlig aufgelöst und fragten mich, ob ich ihnen 100 Dollar kleinwechseln könnte als Schmiergeld für die Immigrantenbullen…so many Problems, you know…Das glaubte ich denen sofort, denn die hatten nun wirklich nichts zu lachen, sind solche illegalen Flüchtlinge für Usbekistan doch gar keine gute Werbung, wenn da junge Leute aus einem Staat fliehen wollen, mit dessen Wirtschaft es doch steil bergauf geht, und dessen Konstitution seinen Bürgern alle Freiheiten einer modernen Demokratie einräumt…Diese undankbaren jungen Leute heutzutage!


Unerwünschte Person

Irgendwann war ich an der Reihe. Da kam ein völlig korrekter Sachbearbeiter der Einwanderungsbehörde, nahm meinen Pass, spannte den Vordruck für das usbekische Visum in den Drucker und fragte nach meinem “Letter of Invitation”, jenem Formular, das man entweder kauft oder das ein usbekischer Bürger in einer langen bürokratischen Prozedur für einen Einreisewilligen beantragt. Nein, so einen Letter brauche ich auf der usbekischen Botschaft in Berlin auch nie zeigen, und wie ist das mit meinem Dienstpass? Kann ich vielleicht mit dem einreisen? Nein, ohne diesen “Letter of invitation” sei da nichts zu machen, sprach der Beamte, packte alles wieder ein, kopierte meinen Pass und meinte, ich werde mit der nächsten Maschine wieder zurück nach Bischkek fliegen. Da war ich erstmal platt.

Meinen Pass bekam ich auch nicht wieder, sondern wurde in den hermetisch abgeriegelten Transitbereich geleitet. Als zu Deportierender, als unerwünschte Person, als abgeschobener Immigrant. Oh nein, wie schlecht. Der nächste Flug mit Usbekistan Airways nach Bischkek ging erst in 36 Stunden. 36 Stunden in dieser miefigen Abflughalle ohne Essen, auf dem Boden schlafen, vor sich hinstinken. Zum Glück erreichte ich Anna per geborgtem Handy und konnte die Lage erklären, die Arme wollte mich freudestrahlend vom Flughafen abholen und nun sowas.

Am nächsten Tag brachte sie mir lecker Essen und 200 Dollar vorbei, wir standen uns gegenüber, allerdings getrennt durch eine Glasscheibe wie in schlechten amerikanischen Knastfilmen. Ich kam mir auch wirklich vor wie in einem schlechten Film. Wenigstens musste ich den Rückflug nach Bischkek nicht bezahlen, war ja auch irgendwie deren Schuld, mich ohne Visum nach Taschkent fliegen zu lassen. Obwohl, beim Einchecken in Bischkek fragte mich die Einchecklady noch nach meinem usbekischen Visum, aber ich habe ihr glaubhaft versichert, das kriege ich bei Ankunft auf dem Flughafen. Nix war’s, aber das macht denen auch nichts aus, so Typen wie mich mit der Staatsairline zurückzuschicken, weil der Flieger eh nie ausgebucht ist, und denen so kein Verlust entsteht, wenn da so ein Hansel mehr oder weniger drinsitzt.

Als es dann so weit war, wurde ich wie ein Schwerverbrecher von einem Grenzer zum Flugzeug geleitet, meinen Pass bekam ich immer noch nicht wieder, den kriegte die Stewardess. Bei Landung in Bischkek kam dann extra ein Beamter der kirgisischen Einwanderungsbehörde ans Flugzeug, um meinen Pass in Empfang zu nehmen. Das wär doch nicht nötig gewesen! Ich mein, das wäre nicht nötig gewesen, dass man das den Kirgisen so auf die Nase bindet, dass ich ein böser Grenzverletzer bin. So wurde mit Fingern auf mich gezeigt und extra eine Dolmetscherin hergeholt, um mir auf den Zahn zu fühlen. Wer ich denn sei, was ich denn in Kirgisien will, und was das für eine komische Nummer mit meiner versuchten Einreise war. Hey Leute, ich bin ein normaler Tourist, kein Terrorist, lasst mich doch einfach meiner Wege ziehen, als hätte ich nicht schon Probleme genug. Dann ließen sie mich gehen, ich konnte mir ein kirgisisches Visum bei der Einreise kaufen (die Kirgisien haben sich da nicht so), und dann konnte ich mich schnurstracks auf den Weg zur usbekischen Botschaft machen, Visum ganz regulär beantragen. Mit Expresszuschlag versteht sich, sonst hätte sich die Rückkehr nach Taschkent bis zum Abflug nach Malaysia am 17. Dezember gar nicht mehr gelohnt. Und so hieß es warten in Bischkek. Ich ging dann auch ins Guesthouse, in dem Sean, Steffen und Anna abgestiegen waren und bereitete mich innerlich auf den Autobasar am kommenden Wochenende vor. Denn an diesem Wochenende musste der Wagen verkauft werden, blieb mir keine andere Wahl.

Die Tage im Guesthouse waren ganz witzig: Wir hatten gemütliche Abende und es war eine wirklich bunte Truppe in dem Laden: Anthony, der seit 8 Monaten mit dem Fahrrad von Thailand durch Südost- und Zentralasien radelt und gerade aus der Mongolei eingetroffen war, Brian und Katja, die auf ihr Chinavisum warteten und zwei französische Damen um die 50, die auch seit anderthalb Jahren in der Region mit dem Fahrrad unterwegs waren. Letztere kannten Anthony aus der Mongolei und zogen erstmal eine wilde Wiedersehensparty auf Französisch ab, die darin mündete, dass eine der Damen mitten in der Nacht volltrunken auf den Teppich pisste und anschließend den Karottensalat vor die Tür kotzte. Zum Glück draußen. Aber lustig war’s allemal.


SuperGAU

Aber der Knaller kam am Abend vor dem Autobasar, als ich den Wagen polierte. Unser Guesthouse-Papa kam zu mir und fragte, ob ich denn wüsste, dass der Einfuhrzoll für solche alten Autos just an diesem Wochenende auf die wahnsinnige Summe von 2000 Dollar angehogen würde. Nur die Ruhe bewahren, erstmal schauen, was morgen auf dem Basar los ist. Aber wenn er nun Recht hat? Dann kann ich einpacken mit meinem Wagen, kann ich wegschmeißen die Karre, kann ich verschenken. Scheiße, nein.

Am nächsten Tag dann große Verunsicherung auf dem Autobasar. Jeder hatte von der Erhöhung gehört, keiner wusste Fakten, keiner traute sich, ein Importauto zu kaufen. Oh Mann, das war wirklich der SuperGAU. Ich sah mich schon Anfang der nächsten Woche die Autohändler im benachbarten Kasachstan anflehen, mir die Kiste für ‘nen Appel und ‘n Ei abzukaufen, Horror. Mein Standnachbar auf dem Basar bot mir an, für 100 Dollar Provision einen Käufer zu finden, ach war mir doch alles egal, soll er machen. Und siehe da, plötzlich saßen 4 Kirgisen in meinem Wagen, und wir waren auf dem Weg zum Zoll. Dort spielten sich grausame Szenen von Zwangsverzollungen auf dem letzten Drücker ab, alle wollten noch ihre alten Kisten zum alten Tarif verzollen, so auch die potenziellen Käufer meines Gefährts. Haben sie auch geschafft. Irgendwie haben die Käufer auch meinem Vermittler 100 Dollar zugesteckt, was ich glücklicherweise registrierte, denn dieser nette Herr fragte mich dann nochmal nach den 100 Dollar Provision, wohl wissend, dass ich mich mit den Käufern nicht verständigen kann. Hab ich ihm aber nicht gegeben.

Dann wollten wir noch zur Zulassungsstelle, die hatte aber schon zu, den morgigen Sonntag sowieso und Montag waren Ferien. Also mussten wir alle bis Dienstag warten, um den Deal perfekt zu machen und bei dieser Gelegenheit meldete ich schonmal an, dass ich keine Lust habe, die 100 Dollar Provision alleine zu zahlen, schließlich profitierten sie als glückliche Käufer auch von diesem Geschäft. Und das mit meinen drei Wörtern Russisch, die ich kann, ojemine.

Doch wie wollten wir mit diesem halben Geschäft verbleiben? Die Kirgisen hatten wohl das Geld noch nicht da, hatten aber den Wagen schon auf ihre Kosten verzollt. Zum Glück, denn so war ich sicher, dass sie es wirklich ernst meinten. Offiziell war ich aber noch Besitzer des guten Stücks. So traute keiner der anderen Seite: Sie wollten mir nicht den Wagen lassen, ich könnte ja mit der Verzollung abhauen. Ich andererseits wollte ihnen den Wagen auch nicht überlassen, schließlich hatte ich das Geld noch nicht. Wir einigten uns, dass der Wagen bis Dienstag auf dem Gelände meines Guesthauses stehen bleiben sollte, allerdings nehmen die designierten Käufer alle Schlüssel an sich. So konnte ich nicht fahren und keinen Unfall bauen. Im Gegenzug bleiben alle Papiere bei mir inclusive des Passes des Hauptkäufers (lässt sich in Kirgisien nicht so leicht sagen, wer der Käufer eigentlich ist, so ein Autokauf ist immer Familiensache, und so taucht immer der ganze Klan auf: Brüder, Papa, Schwägerin…Ich weiß bis heute nicht, wer den Wagen eigentlich gekauft hat).

Am Montag wurde ich im Guesthouse vom Käuferbrüderpaar und einem neuen Begleiter geweckt. Oh Schock, stimmt etwas nicht? Wollten sie den Wagen am Ende doch nicht? Das wäre noch der Oberhammer, wo die letzte Verkaufs-Chance mit dem gestrigen Sonntag gerade verstrichen war. Aber falscher Alarm. Die wollten nur nochmal in die Zolldokumente schauen, ob alles in Ordnung war. Offensichtlich kannte sich ihr neuer Begleiter besser aus, und der sagte, alles ok. Puh.

Dienstag dann die Ummeldung mit Geldübergabe. So waren meine ersten Worte nach der Morgenbegrüßung: Dobre Utre, gdie Denge? Nieto Denge, nieto registrazia. (Guten Morgen, wo Geld? Kein Geld, keine Ummeldung) Mag sich vielleicht etwas grob anhören, aber ich fand es an der Zeit, dass ich endlich mein Geld bekam nach drei Tagen des Hinhaltens. Kein Problem, ich bekam 2.700 Dollar auf die Hand. Nach einigem Verhandeln gelang es mir sogar, die 100 Dollar Verkaufsprovision auf beide Seiten aufzuteilen. Die 50 sollte ich allerdings erst nach erfolgreicher Ummeldung erhalten. Alles klar. Nach einigen Stunden auf dem kirgisischen Landratsamt war das Geschäft erfolgreich abgeschlossen.



One more day

Nun folgte die zweite große Aufgabe des Tages: Usbekisches Visum abholen und dann sofort in Richtung Osch / Grenze abdampfen. War mir ja für heute versprochen worden. Vor der usbekischen Botschaft nervte mich dann wieder der Wachsoldat mit irgendeiner Warteliste, auf der ich wohl auch stünde. In diesem Falle konnte ich wieder kein Russisch und weigerte mich, ihn zu verstehen. Dann war da noch der Pulk turkmenischer Studenten, die alle vor mir dran waren. Dann ich. Visum? Heute? Ja klar heute, habt ihr mir doch gesagt, ich kanns heute abholen. Nee, heute nicht, komm morgen wieder. Basta.

So ist das halt mit diesen unberechenbaren, verlogenen Staaten: behandeln einen wie Dreck, sobald man was von denen will. Ich ging dann wieder um die Ecke zu dem Reisebüro, wo eine Angestellte Englisch konnte und ließ die Dame da mal bei der Botschaft anrufen, hatte sie mir doch schon bei der Beantragung und der damit verbundenen bescheuerten Warteliste geholfen. Ihre Information lautete: Heute gibt’s keine Visa für Deutsche. Da kann sie mir auch nicht weiterhelfen. Morgen früh um 10 Uhr zweiter Versuch. Tat der Reisebüroangestellten auch echt leid, dass ich noch einen Tag verlor, aber sie meinte: one day, people will grow up here maybe…sorry you have to spend one more day in this “lovely” country…

Am nächsten Morgen war ich wieder vor der usbekischen Botschaft. Offensichtlich macht es den dortigen Angestellten richtig Spaß, Antragsteller zu erniedrigen und zu quälen, denn nun hieß es: At three o’clock afternoon you come. Ähh, gute Frau, Gnädigste (extrem höflich, am Riemen reiss, säusel...) ich plane, heute noch nach Osch zu fahren (700 Kilometer), und es wäre überaus hilfreich, freundlich und zuvorkommend von Ihnen, wenn sie mir das Visum jetzt aushändigten…Daraufhin wackelte die Trulla zum Konsul nebenan und dann bekam ich mein Visum. Ich schwebte wie auf Wolken: Auto verkauft, Visum in der Hand, jetzt konnte mich nichts mehr aufhalten. Ich bestieg einen Wagen, fuhr nach Osh. Am nächsten Tag butterweich weiter nach Taschkent.