Unbrav

25.2.20 Ich bin mein Leben lang brav geblieben. Was wäre aus mir geworden, wäre ich nicht brav gewesen? Wie alles, was man später gut können will, muss man wohl auch unbrav sein früh anfangen zu üben. Mit 71 kann das nur ungelenk und komisch werden. Wohl dem, dessen Land eine Wüste hat: In den USA könnte ich mich nach Slab City absetzen und sähe so aus wie der Bassist (20:25).

Auf keinen Fall besäße ich einen Vibrationstrainer, und falls doch, hätte ich mich nicht drauf stehend filmen lassen. Gardinen hätte mein Wohnmobil auch nicht bekommen. Und müsste ich mir in der Tafel einen Prediger anhören, bevor es was zu futtern gibt, würde ich da nicht hin gehen. Nicht brav sein ist anstrengend, vielleicht war das der Grund, warum ich es nicht geworden bin?

Wie sähe er denn aus, der ideale Ort für mich? Wüste wäre schon recht. Da stünde ich mit meinem Wagen unter Gleichgesinnten (auf Anhieb fiele mir allerdings keiner ein). Keiner hätte Fernsehen oder Radio, schon gar nicht Telefon. Die nächste Siedlung sollte mindestens 20 km entfernt sein. Keiner würde irgendetwas tun. Vielleicht würden wir uns Geschichten erzählen. Aber

Ich weiß es eigentlich nicht, eigentlich weiß man nicht genau, was das alles ist (Leo Navratil, Gespräche mit Schizophrenen)




Kommentar Soso: Alter, Du warst nie brav. Das einzig Brave war, dass Du brav auf alle Konventionen gepfiffen hast.

zurken: Soso, das ist ja ein schöner Nachruf, werde ich auf mein Grab schreiben lassen.




Noch mal von vorn

18.2.20 Warum ich anfing, mich für Astronomie zu interessieren. Nicht wegen Sonne, Mond und Sterne. Das haben sie uns schon in der Schule erklärt, was das ist. Wegen dem, was dazwischen ist, dem Schwarzen, dem Nichts, das fand ich interessant.

Die Astronomen sagen zwar, es sei leer da oben, aber nicht WIE leer es ist. Ich vermute, sie sagen es nicht, weil man ihnen sonst den Job kündigen wird. Die Mathematiker nämlich, das habe ich kürzlich in einem YT Video gesehen, streichen eine Größe in einer Gleichung weg, wenn sie so klein ist, dass sie für das Ergebnis keine Rolle spielt. Das müssten sie streng genommen auch für die Materie im Universum tun, weg streichen. Um uns zu täuschen, zeigen sie uns immer solche Bilder:

Wie leer ist es denn nun? Suchbegriff: »Materiedichte im Universum«. Dann kommt: 4,7 x 10 hoch minus 30 g/qcm. Das hatte ich mal in Mathematik, wie war das noch? Eine negative Potenz. Ich glaube, es müsste so eine Zahl rauskommen, richtig?

0,000000000000000000000000000047

Naja, in einem Kubikzentimeter kann ja auch nicht viel drin sein. Mal rechnen, wie viel in einem Kubikkilometer drin ist:

0,000000000000000000047

Mmh, auch nicht viel mehr, immer noch weit entfernt von einem Gramm. Nachdem Gott das Universum fertig hatte, guckte er es sich noch mal an, so wie sich Autofahrer nach dem Einparken nach ihren Autos umdrehen. Da dachte er: Ups, da ist ja gar nix drin, muss ich wohl was falsch gemacht haben, also noch mal von vorn

In der Kabbala hieß es, Gott hätte siebenundzwanzig Mal versucht, das Universum zu schaffen. Anscheinend ist dieses das achtundzwanzigste Mal und diese Schöpfung die am wenigsten schlechte. Wie müssen erst die früheren ausgesehen haben? Und wann wird ihm eine gute gelingen? (Eugène Ionesco, Der Einzelgänger)





Öhm

11.2.20 Es ist Dienstag, aber mir fällt nichts ein. Tut mir leid. Muss am Alter liegen. Aber schönes Titelfoto, nich? Die Kamera liegt auf der rechten Sofalehne, bzw. von mir aus auf der linken. Gemacht mit Selbstauslöser in den gegenüberliegenden Spiegel. Man sieht rechts und unten die Ränder des Spiegels. Ich rühre im Tee. Die Mädels habe ich extra so hingestellt und gesetzt, damit es malerisch aussieht. Nein, gelogen, das war zufällig so. Einfach schön.




Kommentar Andreas: Hi Jürgen,
was ist los - mir fällt nicht´s ein, es muß am Alter liegen.
Nix da, sowas zählt in keinem Fall.

Also, was ist los? Bekam es dir nicht so gut in Thailand
wurde dir langweilig oder ging einfach das Geld aus?

Es ist schade nichts mehr lesen zu können. Aus Patti
nichts, und nun nicht einmal hier aus dem Schlaraffenland.

Wollte gern mal hören, ob und wann du evtl. nach
Aralsk startest. Kann naklar sein, es hat sich alles schon
wieder ganz andres entwickelt.
Alla Hopp
Gruß Andreas

zurken: Ein Gedicht. Danke. Aralsk fällt wahrscheinlich auch aus zu öhm 90% ... ungefähr.




Zombies

4.2.20 Auf allen Flügen nach und von Bangkok nur einmal einen interessanten Film gesehen: Argo, da gings um die Befreiung der Geiseln aus der Botschaft in Teheran von 1980. Sonst ist dieses Programm derart langweilig, dass ich mir das gar nicht mehr ansehe. Wie gewohnt auch dieses Mal nur rechts und links geschielt, was die anderen sehen. Beim Nachbarn auf dem Bildschirm sah ich die Namen Tom Waits und Iggy Pop, und wie erwartet war der Regisseur Jim Jarmush. Ich sah meinen Nachbarn von der Seite an, und ja, der sah doch ganz nett aus. Also angesprochen. Ja, der Film sei in Deutsch, und er gucke ihn auch wegen der beiden Schauspieler, aber Jim Jarmush kenne er nicht. Night On Earth? Ja, den habe er gesehen. Weiter kam ich nicht mit ihm. Ich sagte, er könne den Hörer wieder aufs Ohr drücken, ich hätte keine weiteren Fragen. Habe dann auch Die Toten sterben nicht gesehen.

Fand ihn nicht so toll. Ganz witzig, aber nicht mehr originell, ist das Ende. Der junge Polizist erklärt, warum er immer sagte: Das wird böse enden. Jim habe ihm das Drehbuch gezeigt, sagt er. Wie nennt man das, wenn die Schauspieler im Film über den eigenen Film reden? Aber heute, als ich im Bus saß, fiel mir eine Deutung ein: Die Zombies sind wir. Alle, die zustiegen, waren Zombies. Ihre düsteren Mienen, grauen Gesichter, ihre gebeugte Haltung, Kleidung, genau wie die im Film. Ich bin einer von ihnen. Das Alter verwandelt uns in Untote. Jim Jarmush weiß es vielleicht von seinem Spiegelbild. Auch gut zu sehen, wenn man Leute aus der Jugendzeit kennt, wie die Rolling Stones. Aus allen sind Zombies geworden.

Ich bin also wieder daheim und fühle mich krank und alt. Nuh noi schreibt auf Facebook: I hope we meet again next time. Ja, hoffe ich auch. Ach, wäre das schön, wenn sie jetzt mal kurz hier neben dem alten Zombie säße oder vielleicht eine Nacht bliebe, um mir am Morgen den Kopf vom Rumpf zu trennen?




Kommentar Andi: Ich kenne nur die "vierte Wand" wo die Schauspieler mit dem Kino-Publikum "sprechen". Sie schauen in die Kamera und reden zu den Zuschauern. Beispiel "Ferries macht blau" oder die "Scary-Move" Filme. Weiss jetzt nicht ob du dies meinst.
Gruss Andi

zurken: So was in der Art. In einem Comic trat plötzlich der Zeichner auf und redete mit seiner Figur



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