Hunger

31.1.23 – Es ist Mitternacht, der Januar um, und damit mein dreiundsiebzigstes Jahr. Ich erinnere mich an einen Tag im April 1991, ich saß mit meiner Mutter im Straßencafé und hatte mal wieder dieses Glücksgefühl, in der Welt zu sein. Alles war schön, und mein Bauch brummte wohlig. Mutter war so alt wie ich jetzt, und sie erzählte von ihrem letzten Besuch bei einer Wahrsagerin. Die habe ihr prophezeit, sie werde 81 Jahre alt werden. Das glaubte sie nicht, sie sei gesund und fühle sich gut, sie werde bestimmt nicht schon mit 81 sterben. Ziemlich genau 3 Jahre später ist sie gestorben, also mit 76. Ich bin auch gesund und fühle mich gut. Aber im Gegensatz zu meiner Mutter rechne ich täglich mit meinem Ableben und bin neugierig, wie mein Körper es anstellen wird, mich ins Jenseits zu befördern.

Ich wäre gerade jetzt gerne in Pattaya, es wäre warm um diese Nachtzeit, und ich könnte runter gehen auf die Straße und was essen. Ich habe Hunger. Hier gibt es nichts zu essen auf der Straße. Ich gehe hungrig in mein vierundsiebzigstes Jahr. Vielleicht werde ich endlich wieder so dünn werden wie 1991 und wieder öfter das Glücksgefühl haben, in der Welt zu sein. Vielleicht befördert mich mein Körper auch hinaus aus der Welt. Alles, was kommt, ist richtig.





Unsinn

24.1.23 – Gibt bei Freiburg das „Deutsche Tagebucharchiv“. Manchmal steht doch etwas Interessantes in unserer Tageszeitung. Habe denen meine 15 Bände angeboten. Einträge von 1974-1990. Danach habe ich in den Computer getippt. Man sei interessiert, kam zurück. Habe die Bücher durchgesehen, Schrift oft unleserlich und steht nur Unsinn drin. Viele schlechte Fotos und alberne Zettel und unwichtige Zeitungsausschnitte. Der arme Mensch, der das mal durcharbeiten muss. Kann ich eigentlich keinem zumuten, wird sicher auch nie einer machen. Immerhin wären die Bücher für die Nachwelt erhalten, ich muss sie nicht selbst entsorgen. Gewicht 15 kg, 16 € Porto, werde ich wohl machen demnächst. Oder möchte die jemand privat ins Wohnzimmerregal stellen?





Zu faul

17.1.23 – Noch mal zu der Doku-Serie von Werner Herzog über den Todestrakt, über Leute, die in den USA im Gefängnis auf ihre Hinrichtung warten. Finde alle Fälle spannend und filmisch gut gemacht. Es sind 2 Staffeln zu je 4 Fällen. Alle auf Youtube zu sehen. Im Fall Douglas Feldmann (Foto) fragt Herzog den Staatsanwalt, ob es ähnlich seltsame Fälle gibt, und hier schildert er zwei

Zwei Typen waren also zu faul rauszugehen, um einen Laden oder eine Tankstelle zu überfallen, darum bestellten sie das Opfer, den Pizzaboten, ins Haus.





Wichtiger als das Leben

10.1.23 – Seltsamer Mensch, dieser Werner Herzog. Wie passt in ein einziges Leben so viel Aktivität? Unzählige Spielfilme, Dokus und Operninszenierungen. Naja, er saß wohl nicht so oft in Cafés wie ich. „Fitzcaraldo“ sei eine Metapher dafür, dass jeder irgendwann in seinem Leben ein Schiff über einen Berg schleppen müsse, schreibt er. Nö, Herr Herzog, ich nicht. In einer Auseinandersetzung mit Kinski habe er gesagt, der Film, den sie gerade drehten, sei wichtiger als ihr beider Leben. Wenn ich richtig verstanden habe, meinte er das ernst.

Während er noch mit 80 Projekte im Kopf hat, wäre ich am liebsten ab meinem 20sten arbeitslos gewesen. Angesichts von Arbeit sagt meine Faulheit: Lass das, lohnt nicht. Darum ist mir Luis Bunuel sympathisch, der in seiner Autobiografie schreibt: „Ich stelle mir gern vor, wie in meinem kleinen Garten auf einem Scheiterhaufen alle Negative, alle Kopien meiner Filme verbrennen. Es wäre mir vollkommen egal.“ Das verstehe ich.

„Cobra Verde“ habe ich im Kino gesehen. Mir hat der Nonnenchor der schwarzen Mädchen gefallen, an mehr kann ich mich nicht erinnern. In „My Son, my Son, what have you done“ ist es die Traumsequenz. Für diesen zweiminütigen Gang über einen Viehmarkt der Uiguren ist er mit dem Hauptdarsteller extra nach Kashgar in China geflogen. Hat sich gelohnt, wie ich finde.

In „Im Todestrakt“ hört man ihn aus dem Off. Spannende Doku, werde ich mir ein zweites Mal ansehen. Auch die Musik gefällt mir, während sie mir in „My Son...“ auf die Nerven ging.





Mitte senkrecht

3.1.23 – Ich habe das Jahr 2023 erreicht, ich werde 74. Zum Glück bin ich ein alter Mann und sehr froh, nicht geimpft zu sein. Wenn ich jemals etwas richtig gemacht habe, dann das. Und somit gönne ich mir heute eine Schreibpause, alles Gute und bis nächste Woche.

By the way: Das Magazin „Separee“ erscheint nun auch in Englisch, heißt dort „Kissed“, und ich bin mit dabei. Werde sogar unten Mitte senkrecht als Fotograf erwähnt. Schön, nö?





Seltsam

27.12.22 – Während der Pandemie war niemand krank, jetzt höre ich aus allen Richtungen, die Leute haben Corona. Sie sind viermal geimpft - manche zusätzlich gegen Grippe - und sind krank. Einer ist nicht krank: ich. Bis heute jedenfalls. Und habe weder Corona- noch Grippeimpfung. Seltsam. Beschwert sich jemand und sagt: wozu habe ich mich impfen lassen? Nein, man sagt, ohne Impfung hätte ich jetzt einen schweren Verlauf. Ein anderer sagt, er habe einen leichten Verlauf, weil er NICHT geimpft ist. Oder: Ich bin krank, weil ich so oft Maske trug und mein Immunsystem nicht trainiert worden ist. So stand es in der Zeitung. Man folgt der Darstellung in den Medien, weil man es nicht selbst überprüfen kann.

Eine 98-jährige wird von einem Jugendgericht zu Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Was hat sie gemacht? Als 18-jährige in einem KZ als Sekretärin gearbeitet. Sie habe Beihilfe zum Mord an 10.000en geleistet. Indem sie Briefe schrieb? Das nach 79 Jahren. Seltsam. Die Menschen damals haben an die Rassentheorie der Nazis geglaubt, genau so, wie sie jetzt an die Geschichte vom Killer-Virus glauben. Wäre ich damals 18 gewesen, hätte ich auch an die Rassentheorie geglaubt. Wie hätte man das überprüfen sollen? Das waren doch Experten, studierte Leute, die das sagten. Leute wie Drosten (der jetzt, da alle krank sind, sagt, die Pandemie sei vorbei). Derselbe Richter, der diese alte Frau im Rollstuhl verurteilt hat, hätte unter den Nazis Leute verurteilt, die der Rassentheorie widersprachen. Heute ist nicht mehr richtig, woran damals alle glaubten. Ob in 79 Jahren wieder jemand zu Gefängnis verurteilt wird, weil er den Darstellungen der Medien gefolgt ist? Naja, vielleicht kriegt er Bewährung.





Gespräch im Café:

20.12.22 – Schau sie dir an, die Leute, alles zu Gutmenschen abgerichtete, dressierte Roboter, und sie wissen es nicht, sie glauben, sie haben eine eigene Meinung, sie glauben, sie sind nüchtern und vernünftig, ihre Überzeugungen seien auf ihrem eigenen Misthaufen gewachsen. Lächerlich. Genauso könnte man aus ihnen KZ-Wärter machen, kein Problem. Alles, was in ihren Köpfen vorgeht, ist vorgekaut von den Medien. Hör dir an, worüber sie reden. Über den selben Mist, den sie aufgeschnappt haben. Sie glauben das, sie glauben, sie werden über alles angemessen informiert, was in der Welt vorgeht. Es funktioniert, weil sie das, was man ihnen einhämmert, nicht überprüfen können. Sie sind keine Virologen und keine Meteorologen, und sie waren nie in Syrien und nicht in der Ukraine. Sie denken, diese Leute da im TV sind Experten, die haben das studiert, sie müssen es wissen. Aber der Eindruck, den die Medien von einer Sache verbreiten, ist immer falsch. Sobald das Thema Klima nicht mehr vorkommt, ist der Klimawandel vorbei, und die Leute vergessen es, weil man was anderes gefunden hat, aus dem man eine Katastrophe machen kann. Aber warum sollen wir ständig in Panik sein und uns vor irgendwas fürchten? Damit die Medien auf ihre Einschaltquoten kommen und Geld mit Werbung verdienen? Oder man denkt: 90% der Menschen sind blöd und unmündig. Besser, wir machen aus ihnen Gutmenschen, die vor irgendwas Angst haben, sonst merken sie, wie langweilig das Leben ist, kommen auf dumme Gedanken, machen jeden Tag Party, werden drogenabhängig oder fliegen nach Thailand.

Meine Ros schreibt, sie habe abgenommen. Für mich! Sie will schön sein für mich. Sie will nur noch 65 kg wiegen, wenn ich wieder in Pattaya bin. Wenn das nicht Liebe ist …





Job

13.12.22 – Ich bin anscheinend hinfällig, mit mir gehts bergab: In Pattaya vom Fahrrad gefallen, im Appartement ausgerutscht und auf dem Hintern gelandet, am Strand durch eine Liege gefallen, und jetzt, vorgestern, hier in einem Café zu Boden gegangen, weil ein Stuhlbein einknickte. Muss lustig ausgesehen haben. Seltsamerweise war ich der einzige, der darüber lachte. Die anderen Gäste guckten besorgt auf mich runter, das Personal machte mir sogar den Vorwurf, ich hätte mit dem Stuhl gekippelt, was nicht stimmte. Kann mich nicht erinnern, dass mir so was irgendwann früher passiert ist, und jetzt derart häufig. Am Boden liegen bedeutet ja ein Versagen, aber ich deute es anders: Mein Leben, wie es bisher war, ist vorüber, es liegt am Boden, und es beginnt ein wunderschönes neues.

Vielleicht vermittelt mir meine Freundin On einen Job in ihrer Catch-Me Bar, zB als Mamasan. Ich müsste mich nur neu einkleiden.

Die Neulinge müssten sich dann bei mir vorstellen.





Öhm … Ohm … Om

6.12.22 – Irgendwas machen heute?
Öhm …
Wir könnten ja …
Ins Café gehen.
Da sind wir schon.
Ach ja.
Hast du neuen Termin für Fotos?
Ja, letzte Woche.
Hübsch?
Öhm … geht so.
Lohn wie immer?
Mmh …
Zeig.

Joo-o, nett, auch eins mit Mumu?
Ja, hab ich aber nicht dabei.
James Hetfield, bekannt?
Nö.
Sänger von Metallica. Man fragte ihn, was es braucht, um so schön Gitarre spielen zu können. Er sagte, viel üben und a lot of wanking.
Stimmt. Mir fehlte nur das Üben. Mit den Fotos wird auch langsam langweilig.
Wir müssen was Anderes machen.
Vielleicht haben wir schon alles gemacht.
Ich habe noch keine Weltreise auf einem Katamaran gemacht.
Ist auch langweilig, immer Wasser …
Ja, schon, aber …
Ja?
Ich bin mal auf einer Fähre übers Mittelmeer, das war schön.
Ich bin mal von Singapur nach Jakarta, das war grauenvoll.
Warum?
Das war so ein Seelenverkäufer, der Kahn blieb dauernd liegen, wir waren drei Tage unterwegs, und es gab keinen Speiseraum. Die anderen wussten das, die hatten was mitgenommen.
Naja, das wäre auf meinem Katamaran anders.
Mach doch.
Ich hab keinen Katamaran.
Tja.
Also?
Ich weiß nicht …
Nichts tun, einatmen, ausatmen, Ohm …
Das ist das Alter, müde und trottelig.
Ich habe immerhin jetzt drei Freundinnen.
Wer ist die dritte?
Heißt Om, schreibt mir jeden Tag.
Pattaya?
Ja, arbeitet in einer Gogo-Bar, tanzt aber im Bikini, nicht nackt.
Wieso Freundin?
Hat sie entschieden, ich kann nichts dafür. Steht jetzt auf Facebook: In einer Beziehung mit …
Und was hast du davon?
Naja … öhm … sie schickt Fotos.
Im Bikini.
Nein, nackt, aber man sieht nicht viel.
Zeig.

Die Farbe steht ihr gut. Das noch als ordentliches Foto statt als Selfie, das säh gut aus.
Welche Farbe?
Die Wand. Blau schreckt Mücken ab.
Ernsthaft?
Sagt man.
Hier mit ihrem Kunden, es sei der erste.

Der fickt sie?
Der kann nicht, cock no work, schreibt sie.
Genau wie du.
Manchmal kann ich …
Der sieht doch noch frisch aus …
Im Gegensatz zu uns.
Ich an ihrer Stelle würde den als Freund nehmen.
Ich auch, aber sie sagt, ich sei ihr Boyfriend, er nur Kunde.
Am Geld kanns nicht liegen, noch weniger als du haben wenige.
Vielleicht habe ich ja was Besonderes, Charisma oder so.
Hm …
Ist mir auch schon geweissagt worden. Ich soll die jüngere nehmen, hat sie gesagt.
Die Wahrsagerin?
Ja, am 3.11.13, steht im Tagebuch





Abwarten

29.11.22 – Gehts mir gut? Sieht so aus. Der Herr hinter mir guckt weniger glücklich. Ich glaube ja, dass sich mit der Zeit ein bestimmter Gesichtsausdruck einprägt, wie bei einem Bildschirm, der nur noch ein Bild wiedergibt. Das Gesicht zeigt, wie man die Welt sieht. In der Fußgängerzone verziehe ich mein Gesicht so, wie ich es gerade bei einem anderen gesehen habe. Dann weiß ich, wie der sich fühlt. Eine gewagte These? Probiert es aus.

Zur Zeit weiß ich nicht, wie es mir geht. Ich horche in mich hinein, was geht da vor? Ich soll abwarten. Es kommt was. Immer kommt irgendwas. Könnte vielleicht etwas Geld kommen bitteschön? Dann könnte ich sofort wieder nach Pattaya starten. Meine On schreibt, sie habe sich von ihrem Boyfriend getrennt und will wieder in Pattaya arbeiten. Als Kellnerin? Nein, in einer Bar. Hätte ich das gewusst … Davon hat uns der Wahrsager damals nichts gesagt. Das hörte sich an, als werden die beiden heiraten und für immer zusammen bleiben. Tja, was jetzt? Abwarten. Alles, was kommt, ist richtig.




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